Die Ukulelespielerin

Zuerst nahm ich nur ein paar Töne wahr. Kurze, abgehackte Laute, die mich an eine singende Säge erinnerten. Es war sehr stürmisch an diesem Tag. Ich musste mich immer wieder gegen die Böen und Windsalven stemmen, die an den Gräsern und Flechten zerrten, Palmwedel fast synchron zu den an- und abflutenden Wellen hin und her schwingen ließen und die ersten frühreifen Oliven von den Zweigen rissen. Und zwischen drin Klangfetzen, die sich hartnäckig gegen die Brandung durchsetzten. Mindestens Windstärke 6 oder 7 dachte ich. Ich wollte am Nachmittag gerne noch ein letztes Mal eintauchen, mich schaukeln lassen, mich schwerelos fühlen und versuchen, einen Blick auf kleine blauschimmernde Fische zu erhaschen, aber sie hatten die rote Flagge gehisst. Der Strand unterhalb des Adonistrails war verschwunden, überspült, die Gischt schlug krachend gegen die Mauer.  Liegen und Schirme wurden vor den Herbststürmen in Sicherheit gebracht, die das Ende dieses ewigen Sommers ankündigten.

Heute also lieber wandern, auf den Spuren von Adonis, der sich heimlich zu Aphrodite schleicht, die Vorstellung ließ mich lächeln. Eine Liste schob sich in den Gedanken, ich mache ständig Listen. Im Kopf, auf Papier. Sie helfen mir, mit mir selbst fertig zu werden, mit den Gedanken, die herumpurpurzeln, Fangen spielen, eine chaotische Bande, die kaum im Zaum zu halten ist. Hatte ich an alles gedacht? Wasserflasche, Sonnencreme, Handy, Fleecejacke, Pflaster. Auch die Gedankenliste konnte ich nicht zu Ende führen, Klänge aus Metall verdrängten sie. Diesmal dichter, zusammenhängender, wie kleine bunte Perlen, die über eine Metallplatte kullern. Ich dachte an die Meeresorgel am Strand von Zadar, gurgelnde Töne von den Wellen erzeugt. Jeden Abend saßen wir an der Strandpromenade, innig und friedlich. Mein Blick versuchte, die Klangquelle zu finden, zu erfassen, ob es sich überhaupt um Töne handelte oder um eine Täuschung, wie der weiße Schleier auf dem Gebirge am Ende des Horizontes, der wie Schnee aussah. Eine akustische Täuschung beim Paartanz von Wind und Wellen, eine Sehnsucht nach Verbindung. Bei diesem Gedanken blieb mein Blick schließlich an ihr hängen, hatte sein Ziel erreicht.

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Sie kauerte auf einem Stein, dicht hinter dem Gestrüpp, das den Pfad von den Felsen, die aus dem Meer ragten abtrennte. Sie schien perfekt getarnt, fast unsichtbar. Langes braunes Haar mit silbernen Fäden durchzogen, graubraune Hose und ein weißes Shirt, das zerrissen war. Ich hätte sie sicherlich nicht bemerkt, hätte ich nicht die Klänge ihrer Ukulele gehört, die sie wie ein Baby hin und her wiegte. Dazu sang sie mit hoher Stimme. Die Worte wurden vom Wind verschluckt aber ich erkannt die Melodie: guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck… meine Oma hatte mir dieses Schlaflied oft vorgesungen. Eine eigenartige Stimmung ging von ihr aus. Sie schien zu lächeln aber alles an ihr erinnerte mich an Trauer, an Einsamkeit und ich bemerkte, dass mir auf einmal Tränen über die Wangen liefen. Ich wollte weitergehen, konnte mich aber nicht abwenden, blieb einfach stehen, wartete auf etwas, was ich nicht fassen konnte.

Noch etwas war komisch an der ganzen Szenerie. Rund um den Stein, auf dem die Ukulelespielerin saß, lagen Gegenstände. Einfach dahingeworfen, sinnlose Dinge. Murmeln, Streichholzschachteln, ein Spielzeugmotorrad und direkt vor ihr steckte eine große Stoffgiraffe kopfüber in der Erde, alle viere in die Luft gestreckt. Sie muss gespürt haben, dass ich sie die ganze Zeit angestarrt hatte, da sie plötzlich aufhörte zu singen, die Ukulele absetzte und sich umdrehte. Ein klarer, blauer Blick aus schwarzumränderten Augen. Wieder lächelte sie und deutete auf meine Wasserflasche. Fast mechanisch setze ich mich in Bewegung und ließ mich neben ihr auf die nassen Kieselsteine fallen. Sie nahm mir wortlos die Flache aus der Hand und trank gierig bis sie leer war. Achtlos warf sie die Flache in den Kreis.

„Vorgestern wäre er 18 geworden“. Sie hatte eine tiefe, kräftige Stimme, die gar nicht zu ihrem Gesang und zu ihrer Zerbrechlichkeit passte. „Ich habe ihm Geschenke mitgebracht. Die Giraffe kann ihn vielleicht sehen und er sie. Dann ist er nicht so alleine dort unten.“ Ihr Blick fing an zu flackern, wurde trüb und glitt an mir vorbei. Es kam mir vor, als ob ihre ganze Gestalt noch ein bisschen mehr mit dem brauen Gestrüpp und den schmutziggrauen Kieseln verschmelzen wollte. Wortlos saßen wir da und starrten in die Brandung.

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©Silbensammlerin, Zypern im Oktober 2018

Fotos: Silbensammlerin
Postkarte: Ringelnatz. Kunst und Komik Günter Grass-Haus

 

 

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Published by: Silbensammlerin

Gebürtige Schwäbin, Wahlfrankfurterin, Entwicklungshelferin für Menschen, Teams und Organisationen. Zu neuen Ufern reisen, Menschen berühren, mich berühren lassen. Formen, Farben, Gerüche aufspüren. Speisen schmecken, Silben sammeln, mit Worten spielen, schreiben, slammen, Abseitiges entdecken. Neugierig bleiben. Zusammen mit Petra und Birgit schreibe ich im Pausenorteblog

7 Kommentare

7 Gedanken zu “Die Ukulelespielerin”

  1. Guten Morgen, liebe Bianca,

    ich freue mich, dass du mit deiner Geschichte bei der Totenhemd-Challenge mitmachst. Seit letztem Jahr lerne ich dich ganz neu mit deinem kreativen Schreibstil kennen. Einfach wunderbar! Deine Geschichte zaubert Bilder in den Kopf. Weiter so :-). Silbensammlerin passt!

    Hab einen schönen Tag.
    Viele liebe Grüße nach Frankfurt.
    Petra

    Gefällt 2 Personen

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